Don´t tell but show!

Oder „Show, don´t tell“. Wikipedia nennt diese Regel einen „häufig gebrauchten Terminus aus Schreibratgebern“. Gemeint ist, dass der Autor weniger Beschreibungen verwendet, sondern durch Dialoge und Handlungen Szenen zeichnet. Dabei geht es nicht um hohe literarische Kunstgriffe. Der Hintergrund für diesen Hinweis ist im veränderten Medienverhalten der Leser zu finden. Die visuellen Medien wie Film und PC-Game haben den Fokus auf Bilder gelenkt. Sprache, die aus langen ausschweifenden Darstellungen besteht, kann schnell dazu führen, dass der Leser das Interesse verliert. Hier fällt auf, dass die Definition sich speziell auf den Leser bezieht, sie betrachtete diese wertvolle Technik als eine Handlungsaufforderung für den Autor.

Der Leser bestimmt den Erfolg

So hart es sich anhört, der Schreiber muss Action bieten. Ist das ein Vorteil oder geht das Schreiben damit zu sehr in die Richtung: Anpassung an den Leser? Wer sich als passionierter Schreiber erlebt wird sich diese Frage mitunter stellen. Sind wir noch Schreibkünstler oder werden wir bereits zu Sprachtechnikern? Eine neue Software nach der anderen erscheint auf dem Markt. Die neueste Technik verspricht, als künstliche Intelligenz, Besteller zu erkennen. Dafür nutzt sie Daten, die bisherige Bestseller liefern. Ich habe es übrigens probiert, ich schreibe keinen Bestsellerstil. Doch welche Ergebnisse erhalten wir, wenn wir künstliche Intelligenz und aktuelles Leserverhalten nutzen, um die Qualität von Büchern zu ermitteln?

Ist das Ende der künstlerischen Freiheit in Sicht?

Geraten wir damit nicht in die Falle der Gleichmacherei und Entwicklungsfeindlichkeit? Welche Chancen haben innovative Autoren mit vollkommen neuen Ideen? Wohl keine, denn ihre Ideen konnten sich in der Vergangenheit nicht bewähren und werden damit nicht als gut erkannt. Hätten ein Charles Bukowski oder ein Günter Grass oder ein Thomas Mann Chancen gehabt, wenn die künstliche Intelligenz der Lektor gewesen wäre? Thomas Mann habe ich mit Textstellen aus den Buddenbrooks, dem Zauberberg und anderen Werken getestet. Sein maximaler Lesbarkeitsindex würde heute bei 52 von 100 Punkten liegen. Jelinek oder Roth wären vielleicht auch durch den Software-Test gefallen. Sie haben eine eigene Schreibe entwickelt und sind unvergleichbar wertvoll. Auf der Homepage eines Software-Anbieters heißt es:

Auf Grundlage von Künstlicher Intelligenz (KI) stellt unsere Software einen Zusammenhang her zwischen den Erkenntnissen aus bereits bestehenden Werken und deren Kennzahlen aus Abverkauf und Bestseller-Platzierung. Dieser Zusammenhang wird auf neue Manuskripte angewendet und eine Erfolgswahrscheinlichkeit ermittelt.“

(Quelle: https://www.qualifiction.info/produkte/bestseller-dna/)

Günter Grass hat ganz richtig gesagt:

Das immerhin leistet die Literatur: „Sie schaut nicht weg, sie vergisst nicht, sie bricht das Schweigen.“ (Quelle: http://www.zitate.eu, Stichwort Günter Grass).

Hier wird kein Wort verloren über die Gefälligkeit dem Leser gegenüber oder über die Anpassung an die immer weiter sinkende Lesefähigkeit. Was wäre uns entgangen, wenn wir uns bei der Frage nach wertvoller Kunst auf die IT-Branche verlassen hätten? Ein Buch ist gut, wenn es viele Leute gut finden. Wirklich? Ein Buch ist sehr gut, wenn die Parameter stimmen, die eine Software vorgibt. Kaum zu glauben, oder? Was macht aus einem Buch ein gutes Buch? Wann ist es mehr als eine nette Unterhaltung? Und wer hat überhaupt Interesse daran? Viele Fragen, die sich kaum allgemein beantworten lassen. Die Buchmesse wird wieder einige davon beantworten und viele neue Fragen aufwerfen.

Gibt es eine Verantwortung gegenüber der Kunst?

Die Anpassung an das niedrigere Sprachniveau großer Bevölkerungsteile ist dabei auch in der Politik angekommen. Mit Programmen wie „leichte Sprache“ fördert auch die Bundesregierung. Zahlreiche Inhalte werden in sehr einfachen Worten ausgedrückt, so dass sie verständlich für jeden sind. Doch ist hier nicht in die vollkommen falsche Richtung investiert? Sollte nicht Bildung gefördert werden? Statt Alphabetisierung (derzeit leben in der BRD nach aktuellen Studien geschätzt 7,5 Mio Menschen im erwerbsfähigen Alter, die nicht lesen und schreiben können) und Bildung zu fördern, unterstützt das Bundeswirtschaftministerium die Entwicklung der „Bestseller -DNA. Wie groß ist die Verantwortung der Regierung dafür, dass Vielfalt und Entwicklung erhalten bleiben können?

Mainstream gefährdet die Vielfalt

Ähnliche Überlegungen stellen sich auch in den Bereichen Musik und Design. Rutschen wir in eine Welt, in der Mainstream nicht mehr eine von vielen Möglichkeiten ist, sondern das einzige Angebot? Ich halte es nicht nur für falsch, die Vielfalt zu opfern. Ich finde es auch bedenklich, KI zum Maßstab zu machen, um wirtschaftlichen Erfolg zu sichern. Förderung und Forderung für den Menschen, der sich über Literatur bildet, werden damit minimiert.

Für den Schreiber bleibt nur, seine Freude am Schreiben nicht zu verlieren und für sich selbst zu schreiben. Dabei schadet es nicht, sich umzuschauen, was sich in der Branche tut. Wie jeder andere Unternehmer muss auch der Schreiber am Ball bleiben und den Markt kennen. Nur so lassen sich Nischen finden, in denen das Schreiben auch einen wirtschaftlichen Effekt hat. Ich empfehle, sich selbst ein Bild zu machen. Die Software, die Bestseller entdecken soll, heißt Qualifiction. Die Software, die dabei hilft, den eigenen Lesbarkeitsindex auf das Niveau der gegenwärtigen Gesellschaft abzustimmen, ist Papyrus.

Mit der Technik, zu zeigen statt zu erzählen, wird sich der nächste Beitrag auf diesem Blog befassen, denn hier gibt es wertvolle Impulse für das Schreiben zu finden. Hinter dieser Aufforderung steckt mehr Freiheit für den Schreiber, als auf den ersten Blick scheint. Sie bedeutet, die eigene Kreativität zu entdecken, ohne nur den Empfänger, den Leser im Blick zu haben.

 Show, don’t tell: Schreiben fürs Kopfkino

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2 Kommentare

  1. Hallo Stefanie,
    ein sehr interessanter Beitrag. Von dieser Software habe ich noch nie gehört, bin da aber auch suspekt. Ich hatte mal eine Probeversion von Papyrus Autor auf dem PC, wo man ja die Leseverständlichkeit prüfen kann. Das erschien mir ziemlich blödsinnig, da jeder zweite Satz bei mir zu unverständlich sei. Ja, ich drücke mich manchmal etwas komplexer aus. Aber ich schreibe nun mal auch kein Kinderbuch. Eine solche Verallgemeinerung erscheint mir unsinnig und, wie du schon sagtest, mindert die Vielfalt. Ich hoffe, dass solche elektronischen Ratgeber nicht anfangen, um sich zu greifen und das eigene Urteil, das man sich macht, ersetzen.
    LG Alex

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