Drei gute Gründe, um Briefe zu schreiben

Briefe zu schreiben ist eine antiquierte Tätigkeit geworden. Unter Briefen verstehen manche jungen Menschen heute nur noch Rechnungen, Behördenpost oder Anträge, die gestellt werden müssen. Herr Google weiß auf den ersten beiden Seiten nur Vorlagen für Geschäftsbriefe und Formulare anzubieten, wenn „Briefe schreiben“ gesucht wird. Dabei war das Schreiben von Briefen früher ein bedeutsames Kommunikationsmittel. Ist der Brief ersetzbar? Was hat den Brief früher ausgemacht? Ein wichtiges Element des Briefs war früher sicher schon das Material. Meist waren es ein Füller und ein extra ausgewähltes Briefpapier. Damit wurde der Empfänger ebenso wert geschätzt wie das Medium Brief selbst.

Ich kenne noch die Bilder von Briefschreibern in Parks und öffentlichen Bibliothken. Stirnrunzelnd, wohl überlegend und immer in dem Bemühen, nichts durchstreichen zu müssen. Es gab keine Reset-Taste. Und es gab auch, schon wegen der Laufzeit der Post, keine Chance schnell noch einen blinzelnden Smilie hinterherzuschicken, wie es bei WhatsApp möglich ist. „Bitte nimm nicht so ernst, was ich dir mitteile.“

Der Empfänger und auch der Schreiber selbst hatten Zeit, nachzudenken. Zwischen dem Erhalt eines Briefes und der Beantwortung lagen oft mindestens Tage. Diese Wartezeit auf den Brief ist zu vergleichen mit der Pause in einem guten Musikstück. Und die Pause hat ihren Sinn im Freiraum, den sie bietet. Dieser Raum wird gefüllt mit eigenen Gedanken. Die Verarbeitung des Gelesenen braucht Zeit. Genau das bietet der Brief. Und das ist nicht zu ersetzen durch eine sms, die verspätet beantwortet wird. Die modernen Medien sind prima geeignet, um schnell etwas zu klären. Doch das Medium Brief ist hervorragend geeignet, um Prozesse so lange reifen zu lassen, wie sie brauchen. Wir haben durch Messengersysteme eine wirklich tolle Bereicherung unserer Kommunikation erfahren. Das Medium Brief muss dabei aber nicht abgeschafft werden. Ich plädiere dafür, regelmäßig einen Brief zu schreiben. Drei Gründe sprechen dafür:

  • Durch die relativ lange Wartezeit auf eine Antwort trainieren wir, auf Beziehungen zu vertrauen. „Er“ hat uns nicht gleich vergessen, weil nicht sofort eine Reaktion auf das Smartphone kommt.
  • Wir machen uns unsere eigenen Wörter und Ausdrucksweisen bewusster, wenn wir keine Löschfunktion nutzen können. Manch ein Wort wird gar nicht erst geschrieben, wenn wir wissen, dass es auch gelesen wird.
  • Wer Briefe schreibt, erlebt Entschleunigung. Und er taucht tief in einen Prozess ein. Ein Brief ist wie ein Blick in den Spiegel. Unsere eigenen Unklarheiten lassen sich durch einen Brief oft viel besser reflektieren als durch eine E-Mail.

Ein letzter Grund betrifft in erster Linie die Schreibenden unter uns. Wir verändern unseren Sprachcode je nach Medium. Eine sms muss anders klingen als eine verbale Unterhaltung, eine E-Mail folgt speziellen sprachlichen Regeln. Auch der Brief ist speziell. Unser Wortschatz und unser Sprachstil werden durch Briefe erweitert.

Ein Brief ist ein Geschenk. Das fängt beim Papier an und reicht bis zum Inhalt. Wie schön wäre es, wenn neben Rechnungen und Behördenschreiben auch noch Briefumschläge im Briefkasten lägen, die jemand mit der Hand beschriftet hat?

In diesem Sinne empfehle ich den folgenden Schatz aus der Bücherkiste:

„Schreiben Sie mir oder ich sterbe“ Liebesbriefe berühmter Frauen und Männer

Von großen Gefühlen in großen Worten: Die schönsten Liebesgeschichten berühmter Frauen und Männer. – »Seien Sie mein Schutzengel, meine Muse und meine Madonna«, schreibt Charles Baudelaire an eine Frau, mit der ihn eine unerfüllte Liebe verbindet. In ihren Briefen werden Berühmtheiten zu Menschen. Dort finden Sehnsucht, Treue, Verwirrung und Verzweiflung ihren unmittelbaren Ausdruck, oft entstehen literarische Meisterwerke daraus. Dieser aufwändig ausgestattete Band erzählt die Geschichten der Liebenden in Wort und Bild und versammelt Briefe u.a. von Johann Wolfgang von Goethe, Marlene Dietrich, Edith Piaf, Oscar Wilde und Virginia Woolf.

Oder diese hervorragende Sammlung von „Briefen die die Welt bedeuten“ – Letters of Note

Letters of Note ist eine Sammlung von 125 der unterhaltsamsten, inspirierendsten und ungewöhnlichsten Briefe der Weltgeschichte. Das Buch basiert auf der sensationell populären Website gleichen Namens – einer Art Online-Museum des Schriftverkehrs, das bereits von über 70 Millionen Menschen besucht wurde.
Von Virginia Woolfs herzzerreißendem Abschiedsbrief an ihren Mann bis zum höchsteigenen Eierkuchen-Rezept von Queen Elizabeth II. an US-Präsident Eisenhower, vom ersten aktenkundigen Gebrauch des Ausdrucks »OMG« in einem Brief an Winston Churchill bis zu Gandhis Friedensersuch an Adolf Hitler und von Iggy Pops wundervollem Brief an einen jungen weiblichen Fan in Not bis hin zum außergewöhnlichen Bewerbungsschreiben von Leonardo da Vinci zelebriert und dokumentiert Letters of Note die Faszination der geschriebenen Korrespondenz mit all dem Humor, der Ernsthaftigkeit, der Traurigkeit und Verrücktheit, die unser Leben ausmachen.

Schreiben Sie mir – vielleicht werden wir Brieffreunde! Wenn Sie diesem Blog folgen, lesen Sie als nächstes Thema alles über den „Briefroman“.

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