Ist das schon Sülze oder kann man das noch lesen?

Diese Frage fiel mir ein, als ich einen Bummel über den Flohmarkt machte. Die vielen Bücherkisten mit den Pappschildern darauf, haben mich berührt.

schild

Ich hätte ein Buch retten können, oder zwei oder drei. Schließlich wurde nicht viel mehr von mir erwartet, als ein paar Münzen auf den Tisch zu legen und die Bücher nach Hause zu tragen. Das mach ich sonst auch immer, bitte denken Sie nicht schlecht über mich. Ich bin eine Bücherretterin, doch an diesem Abend war mein Herz einfach nicht zu rühren.

Bücher müssen nicht „nett“ sein

Es lagen Titel in den Kisten, bei denen nicht die geringste Lust zu lesen in mir entstand. Irgendwie klangen die Titel wie Schmusekissen oder wie Planierraupen. Plakative Titelgestaltungen, schmachtende Blicke und stahlharte Klingen sprechen mich einfach nicht an. Ein Blick auf die Rückseiten der Bücher erklärte mir alles. Bestseller, allesamt. Aha, so ist das also. Nicht etwa die meist gelesenen, die wichtigsten, die besten Bücher lagen hier. Also die, die die meisten Verkäufe erzielt hatten. Ein Blick in diese Kiste und alle wissen, was die Menschen vor etwa 20 Jahren kaufen wollten. Ob sie es gelesen haben? Hoffentlich nicht. Die Bücher, die den Ponyhof vorspielen, sind nicht unbedingt zum Lesen. Obwohl Ponyhof „nett“ ist. Aber eben „nett“.

Es war einmal….

….Literatur, die aufrüttelte und den Leser gefordert hat. Sehnsuchtsvoll erinnerte ich mich an Zeiten, in denen Bücher noch aufrüttelten, Literatur noch einen Bezug zur Realität hatte. Das gibt es natürlich auch heute noch. Denke ich an Roger Willemsen, der leider in diesem Jahr verstorben ist, Jonathan Frantzen oder Philipp Roth, bin ich schon wieder versöhnt. Auch Elfriede Jelinek und Juli Zeh helfen mir, den Bücherfrust zu überwinden.

Die Bewertungskriterien sind falsch….

…..Verkaufszahlen sagen nämlich bekanntermaßen gar nichts über den Wert eines Textes aus. Ach, ich sehne mich nach einer Most-Read-Liste statt einer Best-Seller-Liste. Es wäre schön, wenn Literatur und Sprache wieder die Position einnähmen, die ansonsten unbesetzt ist. Wenn Sie wieder mehr in den Dialog mit der Leserschaft gingen, nicht nur böten, was alle lesen wollten sondern auch das sagten, was niemand hören will. Wenn ein Schreiber nicht mehr Angst vor unqualifizierten „Rezensionen“ haben müsste. Das Schwert: „Ich habe es gekauft, ich darf es auch bewerten“, muss abgelöst oder zumindest ergänzt werden um „Ich habe es gelesen, verstanden und ich möchte mich äußern.“

Literatur bewegt die Gesellschaft…

…. wenn die Gesellschaft sich bewegen lassen will. Wir treten auf der Stelle. Am Anfang war das Wort. Wenn das Wort nur noch das zählt, was es gekostet oder erwirtschaftet hat, muss es heißen: Am Anfang war das Geld. Aber das stimmt nicht. Vielleicht ist Geld unser Ende, doch am Anfang standen Erkenntnis, Mensch-Sein, Lebenswille. Für den Anfang braucht es den ersten Schritt. Der kann nur in der Realität gesetzt werden. Oder wir laufen einem Luftschloss entgegen, werden Traumtänzer. Unsere Gesellschaft braucht Sprache, mehr denn je. Es geschieht so vieles. Die Realität ist spannend und braucht den Dialog. Wir haben Jobs an Schriftsteller zu vergeben. Doch leider wollen wir sie nicht bezahlen. Lieber 20 E-Book für jeweils 99 Cent konsumieren als ein Buch lesen. Schade.

Schreib mir, was ich lesen will, sonst kriegst du mein Geld nicht

so klingt es manchmal, wenn man Lesern zuhört. „Wer mit mir reden will, der darf nicht bloß seine eigene Meinung hören wollen„, sagte Wilhelm Raabe sehr treffend.Manchmal entsteht der Eindruck, dass der Leser genau weiß, was er lesen will. Er sucht nicht nach neuen Eindrücken, Impulsen oder gar nach einem Austausch. Und der Autor soll sich bloß nicht erdreisten, unbequem, realistisch oder deutlich zu werden. Wir brauchen eine Renaissence der Literatur. Vielleicht fangen wir damit an, uns wieder vor Augen zu halten, was Literatur leisten kann, wenn die Menschen sie wirken lassen. Einen kleinen Einblick bietet dieses Beitrag über eine Vertreterin der „Neuen Sachlichkeit“, Marieluise Fleißer.

Diese Überlegungen sollen übrigens keinen Autor und keine Autorin kritisieren oder abwerten. Alles ist gut, nur manchmal fehlt etwas. Wo ist er oder sie, die uns wieder mit Worten aufrütteln kann wie einst Marieluise Fleißer, Heinrich Böll, Günter Grass oder Heinrich Mann? Ich bin traurig, denn ich kann das nicht sein, mir fehlen die sprachlichen Talente. Doch wenn die betreffende Person sich meldet, werde ich sie lesen, versprochen. Aber wir alle können daran arbeiten, wichtige, bewegende Worte zu finden (nein, bewegende Worte sind für mich nicht die, die zu Tränen rühren, weil die Heldin ihren Prinzen sterbend in den Armen hält). Einfach mal ein paar Zeilen schreiben, die die Realität abbilden. Die Angst vor der Gewalt im Lande vielleicht. Oder den Schmerz um die fehlenden Bildungschancen für die Kinder? Es gibt Themen über Themen. Der Niedergang der Literatur als politisches Gewicht gehört dazu.

Buchtipps zum rund um das Thema Hirn statt Konsum:

Peter und Jacob Seewald:

Welt auf der Kippe: Zu viel, zu laut, zu hohl – macht Schluss mit dem Wahnsinn

 

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