Texter gesucht….

Texter gesucht….

Diese und andere Anzeigen sind inzwischen immer häufiger im Netz zu finden.

Woran liegt das? Die Welt wird digitalisiert, alle Waren können online gekauft werden, die reale Welt verändert sich. Texter gesucht…. zeigt, dass ein selbst Computer mit der feinsten Software die Sprache nicht ersetzen kann.

Computer können Sprache in Daten umwandeln, doch sie können keine Sprache machen.

Sprache ist mehr als nur Wörter und Sätze zu tippen. Sprache muss erreichen und berühren.

Ob ein Produkt gekauft wird oder nicht hängt stark von der Sprache ab.

Aus diesem Grund werden überall Hände ringend Texter gesucht.

Das kann das Selbstbewusstsein der Schreibenden erhöhen. Und es kann den Preis steigen lassen. Inzwischen kann jeder einen Online-Shop eröffnen. Doch nur wenige Online-Händler können ihre Produkte vernünftig und auch noch SEO-tauglich betexten. Da werden schnell mal 1000 Produktbeschreibungen fällig.

Texter gesucht heißt aber nicht Tipse gesucht.

Immer wieder gibt es Angebote mit einem Honorar von 1 Cent pro Wort oder weniger. Da hat jemand einen Shop und der hat die Macht, denn er vergibt die Aufträge. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass der Shop die Einführungsphase gar nicht überleben wird, wenn er keine guten Texte hat. Ein Autor, der für 1 Cent pro Wort texten muss, verhungert. Ein schneller Autor schreibt 5000 Wörter pro Tag. Der Durchschnitt leigt aber eher bei 3000 Wörtern. Nehmen wir die Mitte von 4000 Wörtern. Das ist dann schon eine hauptamtliche Tätigkeit. Bei einem Cent pro Wort verdient dieser Autor 40,00 € pro Tag mit seinen Texten. Zusätzlich hat er einen Zeitaufwand für Recherchearbeiten. Wenn er acht Stunden schreibt und zusätzlich noch eine Stunde recherchiert, kommt er bei neun Arbeitsstunen pro Tag und 21 Arbeitstagen im Monat auf etwa  840,00 € monatlichen Verdienst. Das entspricht einem Stundenlohn von 4,44€ brutto. Prima, etwas mehr als der halbe Mindestlohn. Abzüglich der Sozialversicherungen und Lebenshaltungskosten müsste er nach dem SGB etwa auf einen Verdienst von -300,00 € pro Monat kommen. Da kann er sich im Laufe seines Autorendaseins einen tollen Schuldenberg aufbauen.

Und das für einen der wenigen Berufe, die nicht in nächster Zukunft durch Robotik ersetzt werden können? 4,44 € pro Stunde ist die Arbeit wert, die maßgeblich dazu beiträgt, dass die Globalisierung und der Kontakt zwischen Mensch und Maschine und zwischen Kunde und Händler überhaupt realisiert werden kann? Das ist schamhaft. Hinzu kommen noch Briefings im Befehlston, Zahlungsverzögerungen und etliche weitere Frechheiten. Da schreiben Auftraggeber Mails ohne Anrede, drücken den Preis, wenn sie einen Tippfehler finden und führen sich auf wie Gott in Frankreich? Wir Autoren müssen uns das nicht bieten lassen, es muss schließlich auch nicht jeder Seppl mit einem Online-Shop auf den Markt. Wir Autoren haben es mit in der Hand, ob diejenigen, die nur mal eben schnelles Geld verdienen wollen, das auf unserem Rücken austragen können oder nicht. „Webshop gratis“, „Millionär in 30 Tagen“ usw. Alles ist möglich, aber ohne Sprache geht nichts. Wenn Texte nichts wert sind, brauchen wir unsere Zeit auch nicht mit Schreiben zu verschwenden. Aber zum Glück gibt es Auftrageber, die unsere Arbeit zu schätzen wissen und für die zu arbeiten macht Spaß.

Es geht nämlich auch anders. Seriöse Agenturen und vertrauenswürdige Händler zahlen einen höheren Centpreis. Es gibt auch Anbieter, die vollkommen innovative Vergütungsmodelle für Autoren bieten. Es lohnt sich, nicht jeden Auftrag gleich anzunehmen. Wenn ein Händler merkt, dass er ohne Texte einfach kein Ranking erhält, wird er schon das zahlen, was der Texter wert ist. Da hilft manchmal einfach, die Sache auszusitzen. In der Zwischenzeit kann der Texter Nachhilfe geben, Taxi fahren oder sonstige Nebentätigkeiten machen, da verdient er wenigstens genug.

Texter gesucht? Klar, ganz dringend und deshalb sollte jeder Auftraggeber seine Texter auch gut behandeln. Texter können nämlich was, was kaum noch einer kann.

 

Liebe Texter, wir arbeiten doch nicht für jeden, oder?

 

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Ein Kommentar zu “Texter gesucht….

  1. Danke für diesen Artikel! Ich nutze die Gelegenheit, auch eine Lanze für uns Übersetzer/Dolmetscher zu brechen, denn für sie gilt oft das Gleiche wie für Texter. Der Begriff Übersetzer/Dolmetscher ist nicht geschützt und so kann sich jeder Hinz und Kunz Übersetzer schimpfen, der ein Wochenendseminar in Englisch belegt hat oder als Migrant in Deutschland seiner eigenen Muttersprache mächtig ist. Diesen Umstand machen sich Agenturen und windige „Umtüter“ zunutze und bieten Wortpreise (oder gleich Fixpreise) an, die einfach unverschämt niedrig sind. Das Problem ist, dass viele Übersetzer/Dolmetscher zu solchen Preisen arbeiten – das heftigste Argument, das ich einmal gehört habe, war: „Mein Mann verdient ja gut und ich brauche es eigentlich nicht…“. Genau solche Leute machen sich nicht klar, dass sie eine Gefahr für die ganze Branche sind; sie machen die Preise für diejenigen kaputt, die davon leben müssen. Liebe Texter, liebe Übersetzer und Dolmetscher, dieser Artikel ist kostbar und wertvoll und wir sollten ihn beherzigen!
    Stefanie Piel, Dipl.-Übers.

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