Das wichtigste Schreibwerkzeug – die Struktur

Manche Autoren schreiben mit dem PC, andere mit der Hand und einige wenige diktieren ihre Texte einem Spracherkennungsprogramm. Doch welches Medium wir benutzen spielt eine zweitrangige Rolle. Das wichtigste Werkzeug des Autors ist die Struktur. An anderer Stelle habe ich über die Struktur der Arbeit geschrieben, jetzt soll es um die Struktur des Textes gehen. Ganz gleich, ob es sich um eine Short Story oder eine Romantrilogie handelt, ohne Struktur wird ein Text nicht interessant für den Leser.

Ohne Struktur wird ein Text langweilig

Warum nicht? Weil der Leser nicht die Gedankengänge des Autors kennt sondern nur das geschriebene Wort vor Augen hat. Er muss vom Autor durch den Text geführt werden, um sich nicht zu verirren. Ein guter Text ist für den Leser mehr als nur eine Ablenkung vom Alltag und auch mehr als nur ein Impuls zum Nachdenken, Träumen etc. Ein guter Text vermittelt auch die Botschaft des Autors. Aus diesem Grund brauchen wir, idealerweise vor dem Schreiben, bereits ein relativ klares Konzept über das, was wir schreiben wollen. Schließlich tritt der Autor mit dem Leser in eine Kommunikation ein. Und wenn Menschen kommunizieren, brauchen sie eine Form von logisch aufgebauter Gesprächsführung. In der verbalen Kommunikation kann der Gesprächspartner oder Zuhörer noch nachfragen, wenn ihm etwas unklar ist. In der Kommunikation zwischen Leser und Autor geht das nicht. Das Schreiben erfordert also noch mehr Konzentration und Achtsamkeit als das Sprechen. Und diese Konzentration und Achtsamkeit dem Leser gegenüber beweist der Autor mit einer klaren Struktur.

Struktur bringt Ordnung in den eigenen Kopf

Es gibt noch ein weiteres Argument für Struktur beim Schreiben. Nicht nur der Leser ist vor Verwirrungen und Irrungen geschützt sondern auch der Autor selbst. Wer kennt nicht das Gefühl, eine gigantische, ja grandiose Idee zu haben und nach einiger Zeit des Schreibens in einer Sackgasse zu landen. Der Held ist nach zwei Kapiteln gar nicht mehr heldenhaft oder der Autor hat die Lust am Schreiben dieser Idee plötzlich verloren. Wenn eine Idee ins Bodenlose stürzt, liegt das meist an der fehlenden Struktur. Struktur ist wie das Geländer einer Hängebrücke. Es reicht schon, dass die einzelnen Planken glatt und rutschig sind, unter uns tobt ein reißender Fluss und wir haben kein Geländer? Das muss nicht sein. Das Risiko, abzustürzen und mit der Idee nicht zu einem erfolgreichen Ende zu kommen, ist zu groß. Strukturloses Schreiben ist therapeutisches Schreiben. Es hat seine Berechtigung und kann jedem helfen, der sich mit psychischen Symptomen plagt. Aber dieses therapeutische Schreiben gehört nicht in die Öffentlichkeit, es sei denn, Leser und Autor bevorzugen Seelenstriptease.

3 bewährte Möglichkeiten, Struktur zu finden

Es gibt gute und vor allem praktikable Möglichkeiten, eine Struktur für sein Schreibwerk zu finden. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass nicht alle Techniken für jeden Schreibenden geeignet sind. Die drei, die ich ausgesucht habe, wenden sich an unterschiedliche Wahrnehmungstypen und eignen sich gut für den Einstieg.

  1. Die Wäscheleinemethode

In einer guten Geschichte gibt es Spannungsbögen, auf die der text zusteuert. Um einen solchen Spannungsbogen zu erzeugen, muss die Chronologie einer Story einigermaßen klar sein. Arbeiten Sie mit einer Wäscheleine, die für Sie einen Zeitstrahl darstellt. Diese Leine wird nun mit den Figuren und deren Handlungen bestückt. Sie können so den Ablauf Ihrer Story verfolgen. Die Anfänge Ihrer Kapitel markieren Sie mit einem Bändchen. Auf diese Art können Sie erreichen, dass in jedem Kapitel genau das steht, was der Leser braucht. An dieser Wäscheleine hängen die Figuren, ihre Aktionen und Interaktionen und auch die Informationen, die der Leser im betreffenden Kapitel erhalten soll. So garantieren Sie, dass sie keine Informationen auslassen oder unlogische Sprünge in Ihren Text bauen. Wenn Ihre Wäscheleine fertig bestückt ist, können Sie alles entfernen, was überflüssig ist, der Leser wird es Ihnen danken.

2.  Netztechnik

Besorgen Sie sich einen großen Bogen Karton. Mindestens DIN A4 ist notwendig. Dann schreiben Sie an den linken Rand die Namen Ihrer Figuren, Ihre Schauplätze und die bedeutenden Interaktionen. An den rechten Rand schreiben Sie genau die gleichen Informationen. Ziehen Sie nun Verbindungslinien zwischen den Figuren, den Schauplätzen und den Handlungen. Diese Linien erhalten eine Nummer, fortlaufend. Für jede Nummer gibt es eine Karteikarte, die genauer beschreibt, was es mit der betreffenden Linie auf sich hat. Wenn Sie die Karteikarten jetzt der zeitlichen und logischen Abfolge ordnen (so werden auch Rückblicke an die richtige Stelle gesetzt), haben sie ein sehr gutes Konzept, dass Sie nur noch mit Futter versehen müssen und schon ist Ihre Geschichte geschrieben.

3.  Wörtersummen

Es gibt eine sehr gute Methode, sich über Zusammenhänge klar zu werden und vor allem als Autor seine eigene Botschaft zu erkennen und im Blick zu behalten. Errechnen Sie „Wörtersummen“. Diese Methode beginnt mit einem Brainstorming. Schreiben Sie 10 Wörter auf, die Sie mit Ihrer Hauptfigur verbinden. Diese 10 Wörter gebe ich Ihnen als Beispiel vor, damit Sie sich ein Bild von dieser Methode machen können:

Nehmen wir an, Ihre Hauptfigur ist ein Mann, der ein Mädchen beeindrucken will. Leider stottert er.

Mann

stottern

verliebt

Pickel

Konkurrenz

Motorrad

Musik

Angst

Muttersöhnchen

verklemmt.

Diese 10 Wörter sind wahllos gewählt. Jetzt werden die beiden ersten addiert, d.h. zusammengefasst. Mann + stottern = Mitleid. Sie können selbstverständlich eine andere Summe ermitteln, Wörter zu addieren ist subjektiv, es gibt kein richtiges und kein falsches Ergebnis. So gehen Sie mit den restlichen 8 Wörtern auch vor. Dadurch erhalten Sie 5 Summen. Sie können, wenn Sie wollen, weiter zusammenfassen, aber auch die 5 Summen als wichtige Stoffinformationen notieren. Spielen Sie diese Methode für alle Figuren und Handlungen durch. Danach sortieren Sie, vielleicht mit der Wäscheleine und haben einen tieferen Bezug zu Ihrer eigenen Prämisse als vorher.

Jeder hat ein eigenes System

Sie können die oben beschriebenen Techniken selbstverständlich auch kombinieren. Jeder Autor hat ein individuelles System. Doch jeder sollte eins haben, denn sonst verkommt die Schreibe zu einem Monolog, der in der Gefahr steht, langweilig zu werden oder egozentrisch zu wirken. Wir dürfen nicht vergessen, dass unser Gehirn von uns ein wenig an die Leine genommen werden sollte, wenn die Pferde nicht mit uns durchgehen sollen. Das können wir mit der Ordnung im Kinderzimmer vergleichen. Eltern sollten ihren Kindern keine spezielle Ordnung aufzwingen. Doch sie sollten den Kindern abverlangen, dass es eine Ordnung gibt. Wenn das Kind partout seine Bausteine nicht nach Hersteller sondern nach Farbe sortieren will, ist das in Ordnung. Wenn alles wild durcheinander liegt, ist das kein kreatives Chaos. Es ist Gedankenlosigkeit, die böswillige Zungen als Faulheit bezeichnen würden.

Testen Sie die Vorschläge aus und berichten Sie mir von Ihren Erfahrungen, ich bin gespannt.

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3 Kommentare zu “Das wichtigste Schreibwerkzeug – die Struktur

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